Eine biometrische Theaterinstallation
Die Biometrie-Industrie ist ein boomender Wirtschaftszweig. Die technischen Geräte, die uns identifizieren, werden immer raffinierter. Gesichtserkennungssoftware, Fingerabdruck- und Iris-scanner erfassen die Merkmale, die unseren Körper einzigartig machen und lagern die erfassten Daten in Systemen, auf die wir selbst keinen Zugriff haben. Mein Geburtsdatum, meine Adresse, meine Versicherungsnummer, meine persönlichen Identifikationsnummern und andere Daten, die beglaubigen sollen, dass ich der bin, der ich bin, werden täglich erfasst und ausgewertet. Es gibt Datenbanken, die Auskunft geben über mein Kaufverhalten, meinen Aufenthaltsort und die Menschen, die ich kontaktiere. Bewusst und unbewusst hinterlassen wir permanent Datenspuren und werden identifiziert. Dieser Vorgang und die Frage danach, was da erfasst wird – was das also ist: Identität, sind der Ausgangspunkt von ID, dem neuesten Theaterprojekt von PLASMA.Die Zürcher Gruppe um den Regisseur Lukas Bangerter konstruiert ein interaktives Theatersystem und schleust die Besucher durch ein Verfahren zur Feststellung der Identität. Die dabei erhobenen Daten werden vor den Augen der Betrachter zu einem Retortendrama verdichtet, einem dreidimensionales Konzert, einer szenischen Skulptur. Und während das Bühnenbild dem Publikum über den Kopf wächst und zu einer Fahrt durch die Datengeisterbahn einlädt, ist uns, als schwebten wir durch das Registriersystem der Himmelspforte.
Ohne jeden Mitspielzwang führt PLASMA sein Publikum ins Zentrum des grossen Servers, öffnet das „Buch des Lebens“ indem alle Daten lagern, die Auskunft geben über uns und veranstaltet einen verwaltungstechnischen Dance Macabre, der sich um die Frage dreht, warum ich denke, dass ich ein Anderer bin als die Anderen und ob ich, wenn ich meine Identitätskarte verloren hätte, meinen Zugangscode vergessen und mich weder an meine Adresse, noch an meinen Namen erinnern könnte – immer noch Ich wäre oder ein Anderer.
REGIE / BÜHNE / TEXT: Lukas Bangerter SCHAUSPIELER: Helene Hoem Lilian Fritz Wowo Habdank Jorgos Margaritis Jesko Stubbe MUSIK: Jan Ratschko Martin Wigger DRAMATURGIE: Sarah Ross KOSTÜM / AUSSTATTUNG: Petra Kenneth LICHT / TECHNIK: Patrik Rimann
Regie/Bühne/Text Lukas Bangerter
»Jetzt stehen da Schreibtische und Personalcomputer, wo vorher vielleicht ein paar Mal im Jahr ein Reiher seine Kreise gezogen hat. Jetzt werden da Telefonate entgegengenommen und Transaktionen getätigt, aber davor war hier nichts.«
Ausgangspunkt des Projekts ist das System Stadt. Die rapide Verstädterung der Menschheit gilt als einer der Megatrends des 21. Jahrhunderts: im Jahr 2007 wird – nach einem Bericht der Vereinten Nationen – zum ersten Mal in der Geschichte die Mehrzahl der Menschen in Städten wohnen. PLASMA wirft einen poetischen Blick auf dieses Phänomen und denkt den Trend ins Extrem: Die Ränder der Megacities sind ineinander gewachsen. Global City. Die Welt ist eine Stadt. Für diese Produktion wurde das PLASMA-Ensemble massiv vergrössert. So stossen mit der Israelin Hagar Admoni-Schipper und der Dänin Helene Hoem zwei versierte Schauspielerinnen zum bisherigen Ensemble. Mit von der Partie sind auch wieder die Berner Schauspielerin Janet Haufler, welche schon mit ihrem Auftritt in RANDOM (PLASMA-Projekt 9) vom Publikum gefeiert wurde, und – ebenfalls aus Bern – der Performance-Künstler Norbert Klassen.
So wie die Signale »Walk« und »Don’t Walk« den New Yorker Fussgängerstrom strukturieren, strukturiert die Musik des Multiinstrumentalisten Jan Ratschko und des Laptopmusikers Martin Wigger dieses PLASMA-Stück.
Für »WALK DON’T WALK« überschwemmt Lukas Bangerter das Theater mit einem Häusermeer. Er baut eine bühnenübergreifende Stadtwelt, schickt seine Schauspieler und Musiker in ein Labyrinth aus Strassenschluchten und lädt die Zuschauer ein zu einem nächtlichen Rundflug über Metropolis, die Mutter aller Städte. Wie Ameisenforscher betrachten wir das System zuerst von aussen, um dann allmählich von ihm aufgesogen und absorbiert zu werden.
PLASMA interpretiert die Stadt als soziale Skulptur, als ein kollektives Gedächtnis, welches Ausdruck der Bedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen ist, die dieses Gebilde geplant, gebaut und bewohnt haben. Wie das Gehirn des Menschen ist auch die Stadt, die er bewohnt, plastisch, sie verändert sich permanent, sie erinnert und vergisst. Sowohl das Gehirn als auch die Stadt sind hochkomplexe Systeme und das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses, der im Wesentlichen auf Prinzipien der Selbstorganisation beruht. Beide sind dezentral organisiert und bestehen aus einer Vielzahl eng miteinander verknüpfter Komponenten, die in hoch dynamischer Weise miteinander interagieren. Wir haben unsere Umwelt so strukturiert, wie unsere Innenwelt strukturiert ist. PLASMA zeigt die Stadt als Abbild ihrer Erbauer, als Stein gewordener Ausdruck der Beziehungen ihrer Bewohner.
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